Typografie! Kennst Du?

Nadia Bendinelli, Elias Baumgarten
17. 1月 2020
Foto: Nadia Bendinelli

Damit Texte klar und verständlich sind, müssen sie gut formuliert sein – darüber sind wir uns wohl alle einig. Doch welch wichtige Rolle die Typografie dabei spielt, ist weit weniger bekannt. Leider wird die typografische Gestaltung sogar mitunter leichthin als »Geschmackssache« und Steckenpferd einiger Expert*innen abgetan. Was gepflegte Typografie ausmacht und was sich mit ihr erreichen lässt, offenbart das neue Buch »Lesbar. Typografie in der Wissensvermittlung« von Ulrike Borinski und Rudolf Paulus Gorbach, das lesenswerte Beiträge von zahlreichen Spezialist*innen enthält. Die Lektüre lohnt auch für Laien.

Wie arbeiten das menschliche Auge und Gehirn beim Lesen? Welcher typografischen Umgebung bedarf es, um eindeutige Botschaften zu vermitteln? Wieso ist Typografie überhaupt so wichtig? Was kann man mit ihr erreichen? Was meinen die Begriffe »Lesbarkeit« und »Leserlichkeit«? Diesen Fragen gehen 24 Expert*innen im Buch »Lesbar. Typografie in der Wissensvermittlung« nach, das kürzlich beim Zürcher Verlagshaus Triest erschienen ist. Ihre Beiträge beruhen auf Forschungsergebnissen und langjährigen Erfahrungen in der Praxis. 

Das Buch ist in drei Hauptblöcke gegliedert. Der Abschnitt »Grundlage und Fundamente« befasst sich unter anderem mit der Funktionalität von Auge und Gehirn beim Lesen. Es werden (körperliche) Einschränkungen und (altersspezifische) Besonderheiten behandelt, aber auch soziale, politische, verhaltensspezifische und die Umgebung betreffende Aspekte thematisiert. Wussten Sie zum Beispiel, dass es für unsere Augen eigentlich widernatürlich ist, den Zeilen eines Textes zu folgen? Und wussten Sie auch, dass die Auseinandersetzung zwischen den Nationalsozialisten und dem Bauhaus auch auf typografischer Ebene stattfand? Der Bereich »Didaktische Typografie« führt uns direkt in den Unterricht und befasst sich mit Pädagogik, Semiotik und Logopädie; besprochen werden unter anderem Schulbücher, Handouts und Märchen, aber auch Adolf Hitlers Buch »Mein Kampf«. »Lesbarkeit, Schrift und Typografie« widmet sich schließlich dem Forschungsstand zu Leserlichkeit und Lesbarkeit, Funktionalität und Anwendung unterschiedlicher Schriften. Erklärt wird, wann welche typografische Lösung ans Ziel führt. Überdies finden sich im Buch Einführungstexte von Ulrike Borinski und Rudolf Paulus Gorbach. Letzterer hat die ansprechende Publikation übrigens auch gestaltet. 

Fotos: Nadia Bendinelli
Paradox

Typografie ist allgegenwärtig, sie begegnet uns jeden Tag. Und das nicht nur in Büchern, Zeitungen oder dem Internet: Hinweise und Nachrichten aller Art – egal, ob auf Verpackungen oder etwa im Straßenverkehr – sind Gegenstand typografischer Gestaltung. Dabei erfordert jede Umgebung einen spezifischen Umgang mit Schrift. Zielgruppen müssen – auch typografisch! – adäquat angesprochen werden. Eine Botschaft sollte, um eindeutig verstanden zu werden, auf die Bedürfnisse der Leser*innen so gut wie möglich eingehen. Klarheit und Unmissverständlichkeit sind – im Normalfall – auch in des Senders Interesse.

In der Realität harzt es hier allerdings immer wieder. Der Umgang mit Schrift wird oft – und leider sogar immer mehr – vernachlässigt. Viele Drucksachen, aber auch Websites, Apps und andere digitale Informationsträger sind typografisch nur mittelmäßig. Warum ist das so? Bevor die Allgemeinheit umfassenden Zugang zu Computern hatte, konnten nur Fachleute Texte reproduzieren. Wissen über Typografie war folglich reine Insidersache und Gestalter*innen, Typograf*innen sowie Expert*innen aus der Druckbranche vorbehalten. Heute aber stehen Layoutprogramme wie InDesign jedem offen. Sich an Fachleute zu wenden, erscheint da nicht mehr nötig. Doch bleibt typografisches Wissen weiter etwas für wenige. Schriftwahl, Anordnung, Gliederung, Abstände, Auszeichnungen und all das, was sonst noch mit Typografie in Verbindung steht, sind nicht bloß »Geschmacksache«. Es braucht sehr fundierte Kenntnisse, um richtig mit Schrift umzugehen. Was nützt es, etwas subjektiv als »schön« zu empfinden, wird unsere Botschaft damit nicht eindeutig und zielführend vermittelt?

Gepflegte Typografie ist immer eine gute Idee

Der Titel »Lesbar. Typografie in der Wissensvermittlung« lässt schon erahnen, dass es im Buch vornehmlich um Didaktik geht, um die Verwendung von Schrift im Unterricht, um das Lernen und die Wissensaufnahme. Doch darüber hinaus ermöglicht die lesenswerte Publikation auch Laien, ein besseres Verständnis von Typografie zu entwickeln. Sie zeigt auf, wieso es auch im eigenen Interesse sein kann, mehr über die Disziplin zu wissen – und sich bei Bedarf an Fachleute zu wenden. Eine Expert*in wird man bekanntlich nicht über Nacht – und auch nicht, indem man ein Buch liest. Doch »Lesbar« erlaubt, sich eine Meinung darüber zu bilden, was Typografie kann und wieso sie wichtig ist. Nach der Lektüre kann man etwas besser beurteilen, ob eine typografische Lösung qualitätsvoll ist oder nicht. Das ist auch für Architekt*innen wertvoll. Denn vielleicht denken Sie gerade über die Beschriftung eines Ihrer Projekte nach, wollen eine Abgabe optimieren, planen Ihre Website aufzufrischen oder haben gar vor, eine Monografie zu publizieren… 

Lesbar. Typografie in der Wissensvermittlung

Lesbar. Typografie in der Wissensvermittlung
Ulrike Borinski, Rudolf Paulus Gorbach

147 × 235 Millimeter
304 ページ
120 Illustrations
Hardcover
ISBN 9783038630395
Triest
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Nadia Bendinelli ist Typografische Gestalterin mit Nachdiplomstudien in Branding und Interaction Design. Sie hat unter anderem verschiedene Publikationsprojekte im Bereich Architektur gestaltet. So betreute sie zum Beispiel 2015 das Redesign der Schweizer Architekturzeitschrift archithese und die folgenden vier Ausgaben danach. Aktuell führt sie die Einzelfirma inedito in Winterthur.

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